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Der Fall Collini – Ein Buch von Ferdinand von Schirach

18. März 2014

Ein Opfer wird zum Mörder: Fabricio Collini tötet einen greisen Unternehmer – ein ehemaliger SS-Sturmbannführer. Während des 2. Weltkriegs war er ein grausamer Mörder. Wie entscheidet die Justiz, wenn der unerfahrene Pflichtverteidiger das Opfer gut zu kennen glaubt? Wie werden NS-Kriegsverbrechen in der Gegenwart verhandelt.

Zum Inhalt: Fabricio Collini (Jahrgang 34) gelangt unter Angabe ein italienischer Journalist zu sein, ins Hotelzimmer eines FabrikeigentümersJean-Baptiste Meyer. Auf sehr brutale Weise tötet Collini den 85-Jährigen mit vier Schüssen in den Hinterkopf. Dannach tritt er auf ihn ein. Caspar Leinen wird als CollinisPflichtverteidiger berufen, obwohl er erst seit einem guten Monat seine Zulassung hat. Schließlich muss er feststellen, dass das Opfer niemand geringeres ist als der gutmütige Großvater seines Jugendfreundes. In der Zeit des Dritten Reichs war Meyer SS-Sturmbannführer und erschoss Collinis Schwester wie auch viele Partisanen. Niemals wurde er dafür zur Rechenschaft gezogen. Collinis Tat ist ein Racheakt. Der Prozess wirft viele unbequeme Fragen auf.
Vor der Urteilsverkündung begeht Collini jedoch in seiner Zelle Selbstmord und das Verfahren wird eingestellt.

Mit welcher Sprache arbeitet Schirach? Ferdinand von Schirach ist auch hier ganz Könner des lakonischen Erzählens. Falls Sie die beiden Kurzgeschichten-Bände “Verbrechen” und “Schuld” gelesen haben, haben Sie die Stärken und Schwächen dieses Erzählens kennengelernt. Hier wird nicht dick aufgetragen. Dafür sind die Sachverhalte klar und, ja, sachlich. In einem vielschichtigen Geflecht wie in Der Fall Collini beschränkt sie die Bewegungsfreiheit der Charaktere. Ab und zu täte ein Wort mehr zu inneren Vorgängen gut. 

Der Fall Collini lässt sich mit Bernhards Schlink “Der Vorleser” vergleichen. Beide Romane nehmen sich der Aufarbeitung von Naziverbrechen an. Beide urteilen auf Grundlage der deutschen Rechtsprechung. Nicht von ungefähr, denn beide Autoren sind Juristen. Schlink setzt sich mit der Unvoreingenommenheit der Justiz auseinander und des Problems der Bestrafung von Nazi-Verbrechern. Wie ist jemand für eine Straftat zu bestrafen, die zur Tatzeit legal war? Bei Schlink kommt hinzu, dass die Täterin Analphabetin ist und zunehmend entschuldigt wird – nicht rechtlich, aber auf empathischer Ebene. Zum Schluss begeht sie Selbstmord wie beiSchirach Fabricio Collini Selbstmord begeht. Das Opfer bleibt Opfer, der NS-Verbrecher ein NS-Verbrecher.

Bild : © Thorben Wengert  / pixelio.de

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